Luxusartikel in Bettlerhand

Veröffentlicht: 15.01.2009

Von: Nadine Duchi

Indien gilt als Land der Kontraste. „Welcome to incredible India!“, wird man an den internationalen Flughäfen begrüßt, und das ist keinesfalls übertrieben. Es ist einfach unglaublich – unglaublich authentisch! Es wirkt dagegen gar nicht authentisch, wenn eine sündhaft teure Designerhandtasche am Handgelenk einer bettelarmen Frau in einem Hochglanzmagazin abgebildet wird.

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Foto: Nadine Duchi

Eine Reise nach Indien bedeutet eine Flut von Sinneseindrücken. Das wird jeder bestätigen können, der seine Nase einmal den ständig wechselnden Gerüchen ausgesetzt hat, der seine Ohren an das Gewirr aus Taxihupen, Fahrradklingeln, Hindi und Pidgin-Englisch gewöhnen musste, oder der versucht hat, eine der konfus befahrenen Strasse zu überqueren, die für jeden Einheimischen aber absoluten Regeln unterliegen.

In Indiens Metropolen ist der Kontrast zwischen arm und reich unübersehbar. Während Familien der höheren Kasten sich an den Schaufenstern der sich immer mehr verbreitenden Filialen westlicher Labels erfreuen, lebt gleich gegenüber eine Familie, vom Enkel bis zur Großmutter, auf der Strasse. Jeder geht seinem Alltag nach, keiner scheint sich für den Reichtum oder die Armut des anderen zu interessieren. Alles nebeneinander her, völlig normal.

Dieses absurde Miteinander schien auch dem Modemagazin Vogue India ein passendes Thema für eine sechzehnseitige Fotoserie zu sein. Abgelichtet sind beispielsweise Straßenkinder mit Designerlätzchen, deren Gegenwert ihnen mehrere Wochen Hunger ersparen würden. Oder ein zahnloser Greis, der auf dem Foto mit einem Regenschirm ausgestattet ist, dessen Preis der alte Mann kaum fassen würde.

Dass die Meinungen über eine derartige Campagne stark auseinander gehen, ist nicht verwunderlich. Einen Menschen in Kontrast zu einem Luxusartikel zu setzen ist überaus gewagt. Wird dadurch die Armut ins Bewusstsein der Vogueleser gerückt? Das ist wohl eher nicht die Intention, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um ein Fashionmagazin handelt. Aber kann man sich Werbewirksamkeit von derartigen Bildern versprechen oder sollte man die Serie unter „Mal was neues, aber nicht weiter aufregend.“ einsortieren? Denkanstösse und Meinungen zum Thema sind in einem öffentlichen Blog im Onlineangebot der Herald Tribune veröffentlicht. Unbestreitbar ist, dass Vogue India damit für Gesprächsstoff sorgt und sich eine Extraportion Aufmerksamkeit gesichert hat.

 

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